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Arbeitssprache Englisch

 

Mag. Eveline Obitsch, Dr. Klaus Edel

 

Kommunikationsfähigkeit und Fremdsprachenkenntnisse sind heute für SchulabgängerInnen unablässige Voraussetzungen, um auf dem Arbeitsmarkt Chancen zu haben. Es ist natürlich Aufgabe der Schule, den jungen Leuten die entsprechenden Lernmöglichkeiten zu bieten. Bereits im Februar 1999 kündigte Bundesministerin Elisabeth Gehrer in einer Presseaussendung einen verstärkten Unterricht in englischer Sprache in den Fächern Geschichte, Geographie, Physik etc. an.

Der Blick in den Wiener Schulführer zeigt, dass an einigen Wiener Schulen die Idee eines bilingualen Unterrichts bzw. von Englisch als Arbeitsprache für Geschichte und Sozialkunde aufgegriffen wurde. Diese schulautonomen Unterrichtsmodelle stützen sich rechtlich auf § 6, Abs. 1 des Schulorganisationsgesetzes bzw. § 16, Abs. 3 des Schulunterrichtsgesetzes.

Als engagierte HistorikerInnen sehen wir uns veranlasst zu hinterfragen, was der Einsatz einer Fremdsprache für den Geschichtsunterrichts bedeutet/bedeuten kann! Ermöglicht Geschichtsunterricht in englischer Sprache weiterreichende Erkenntnisse und Einsichten als Unterricht in der Muttersprache? Oder geht es vielmehr vorrangig um die Erhöhung der Fremdsprachenkompetenz auf Kosten der historischen Wissensvermittlung?

 

Im Lehrplan 99 für Geschichte und Sozialkunde in der Sekundarstufe I findet sich zum Selbstverständnis des GSK - Unterrichts bezüglich der Aufgaben dieses Faches folgender Anspruch: “Der Unterricht in Geschichte und Sozialkunde versteht sich als Begegnung mit der Vergangenheit des eigenen und anderer Kulturkreise. Er leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Orientierung der Schülerinnen und Schüler in Zeit und Raum und zur Identitätsfindung in einer pluralistisch verfassten Gesellschaft. Das Kennenlernen verschiedener Modelle menschlicher Existenz in der Vergangenheit soll zu Verständnis und Toleranz dem Anderen gegenüber in der Gegenwart führen.“ Hier erhebt sich nun die Frage, ob ein in englischer Sprache abgehaltener Unterricht diese Funktion erfüllen kann!

 

Gründe für Fremdspracheneinsatz

Welche Argumente sprechen nun für den Einsatz von Englisch im Geschichtsunterricht?

•Im Unterricht erfolgt eine praktische Anwendung der Fremdsprache, anstelle von oftmals abstrakten und abgehobenen Themen geht es um konkrete Inhalte. Den SchülerInnen wird in verstärktem Ausmaß die Einsicht vermittelt, warum so viele Stunden für den Englischunterricht verwendet werden.


•Da es absehbar ist, dass für die SchülerInnen in ständig steigendem Ausmaß die Beschaffung von Literatur und anderer Arbeitsmaterialien aus dem Internet zur Selbstverständlichkeit wird, erweist sich die Verwendung des Englischen im Unterricht als Vorteil, da sehr viele Files auf Englisch angeboten werden.


•Mit dem Einsatz des Englischen besteht auch die Chance zur Multiperspektivität, denn die SchülerInnen können englische Bücher oder Quellen zu einem Thema zum Vergleich heranziehen.


•Der Vergleich mit dem Blick von außen, kann die eigene Perspektive schärfen.


•Die neuen Medien bzw. die finanziellen Unterstützungen durch die EU erleichtern internationale schulpartnerschaftliche Projekte, wobei sich in vielen Fällen Englisch als gemeinsame Sprache für den Austausch von Informationen und Ergebnissen zwischen den TeilnehmerInnen erweist.


•Bei einem emotional besetzten nationalen Thema wird durch den Einsatz der Fremdsprache unter Umständen die Emotion herausgenommen und die SchülerInnen können unbefangener an den Inhalt herangehen.


Gründe gegen Fremdspracheneinsatz

Allerdings sprechen auch einige gewichtige Gründe gegen den Geschichtsunterricht auf Englisch, vor allem wenn der Anspruch besteht, ausschließlich die Fremdsprache zu verwenden!

•Der englische Sprachschatz der SchülerInnen reicht insbesondere in der Stufe der 10 - 14 jährigen nicht aus, komplexere Inhalte auszudrücken, es besteht daher die Gefahr der Simplifizierung.


•Geschichtsinteressierten Kindern, die sich im Fremdsprachenunterricht eher „plagen“, wird die Freude an Geschichte genommen.


•Es kommt zu Verfremdungseffekten, wenn essentielle Themen der österreichischen Geschichte, wie “1934“ oder “Der Anschluss“ in der Fremdsprache behandelt werden.


•Ausgehend von der Annahme, dass über Geschichte und Sprache nationale Identität vermittelt wird, erhebt sich die Frage, welche Folgen die Darstellung der österreichischen Geschichte in einer Fremdsprache diesbezüglich haben kann.


•Zu wenige HistorikerInnen haben eine ausreichende Qualifikation in der Fremdsprache, das hätte zur Folge, dass ein Teil der LehrerInnen vom Geschichteunterricht ausgeschlossenen wäre bzw. nur mehr in bestimmte Schulformen eingesetzt werden könnte.


•Der Geschichteunterricht würde zum Monopol von AnglistInnen, die im zweiten Fach Geschichte haben.


•Es besteht die Gefahr, dass der Geschichteunterricht dazu dient, die Defizite des Englischunterrichtes abzudecken.


•Sollten aber HistorikerInnen in diesem Modell eingesetzt sein, die nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen, ist dies aus der Sicht der Sprachvermittlung kontraproduktiv.


•In den didaktischen Überlegungen spielt vielfach nur die Förderung jener Kompetenzen eine Rolle, die mit Sprache zu tun haben, jene, die uns als HistorikerInnen interessieren, bleiben im Hintergrund.


Zwei Modelle

Im Wesentlichen sind es zwei Modelle der “Fremdsprachenoffensive“, die derzeit sowohl in Pflichtschulen als auch in den AHS erprobt werden:

a)       die ausschließliche Verwendung von Englisch als Arbeitssprache

b)       der zweisprachige Unterricht in bilingualen Schulen

Einige LehrerInnen wählten einen dritten Weg, indem sie in bezüglich der Thematik und Quellenlage geeigneten Bereichen die Fremdsprache anwenden.

Diese Vorgangsweise erscheint uns nach den bisherigen Erfahrungen aus der Sicht der Geschichte Unterrichtenden, denen es im Geschichteunterricht vorrangig um die Vermittlung der fachspezifischen Kompetenzen geht, am ehesten geeignet, beiden Ansprüchen, nämlich Fachkompetenz und Sachkompetenz, gerecht zu werden.

Eine weitere sinnvolle Anwendung der Fremdsprache im Geschichtsunterricht wäre nach unserer Meinung die fächerübergreifende Behandlung geeigneter Themen, wie beispielsweise “Die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Parlament zu Zeit der Stuarts“, “Die amerikanische Verfassung“, “Der Vietnamkrieg“ oder aktuell “Der Krieg in Afghanistan“ in Form von Teamteaching. Damit könnte auch eine sinnvolle Vorbereitung auf eine mögliche fächerübergreifende Matura bzw. Fachbereichsarbeit erfolgen, die zwar eine interessante Reifeprüfungsvariante darstellt, aber im Regelschulwesen bisher keine institutionelle Entsprechung im Unterricht hat. Die Problematik von Team teaching erwächst aus dem Umstand, dass in der augenblicklichen Situation im Regelschulwesen diese Unterrichtsform nur in selbstausbeuterischer Weise durch die Beteiligten möglich ist, da einer der beiden Partner unbezahlt im Unterricht steht. Als Alternative könnte in beiden Fächern ein Thema gemeinsam behandelt werden, was allerdings ein hohes Maß an Koordination und Kommunikation voraussetzt, Rahmenbedingungen, die ebenfalls nicht zum Schulalltag in unseren AHS zählen. Hingegen gibt es im Schulversuch dafür Koordinationsstunden, die eine solche Arbeit wesentlich erleichtern.

Der Geschichteunterricht in bilingualen Schulen

Das Modell eines bilingualen Unterrichts hat an Bedeutung gewonnen, da ab dem Schuljahr 1999/2000 an mehreren AHS - Standorten in Wien, darunter im Bundesrealgymnasium XIX in der Krottenbachsraße, bilinguale Klassen eingerichtet werden. Diese bauen auf bereits in der Volksschule bilingual ausgebildete SchülerInnen auf.

Der Unterricht erfolgt im Teamteaching durch eine/n österreichische/n und eine/n muttersprachliche/n LehrerIn. Die Werteinheiten für die Native Speakers werden gesondert vom Stadtschulrat bereit gestellt. Für die deutschsprachigen LehrerInnen gab es eine begleitende Englischveranstaltung, um auch ihre Sprachkompetenz zu sichern, denn die SchülerInnen haben das Recht Antworten in Deutsch oder Englisch zu geben.

In der bilingualen Mittelschule im 10. Bezirk  wird, nicht zuletzt um jenen SchülerInnen, die nicht zweisprachig aufgewachsen sind, aber dennoch eine bilinguale Klasse besuchen wollen, eine bessere Startchance zu gewährleisten, in der ersten Klasse ein verstärkter Englischunterricht durchgeführt. Für den Geschichteunterricht legen die beteiligten LehrerInnen in ihrer Jahresplanung fest, welche Themen auf Englisch und welche auf Deutsch unterrichtet bzw. bilingual unterrichtet werden. Neben den Lernzielen werden auch die Curricular Links aufgelistet.

Unterrichtsmaterialien

Für den Geschichteunterricht gibt es einerseits die bilinguale Adaption eines auf dem Markt befindlichen Schulbuches und andererseits  unterschiedlich umfangreiche Themenbände. Darüber hinaus verwenden die LehrerInnen englische Schulbücher und Unterrichtsbehelfe mit deren Hilfe sie Unterrichtsmaterialien für die SchülerInnen erstellen. Die Arbeitsblätter, mit denen der Unterrichtsertrag gesichert werden soll, enthalten einfache Einsetzübungen oder Lückentexte. Für das fachliche Verständnis werden die key – words angeführt.

Das Museum für Urgeschichte in Asparn/Zaya hat auf den Trend zum Geschichteunterricht in der Fremdsprache reagiert und eine englischsprachige Version seines Kindermuseumsführers herausgebracht, der für einen möglichen Lehrausgang zur Verfügung steht.

Begleitende Maßnahmen

In Wien bietet das Pädagogische Institut für interessierte LehrerInnen Sprach (Praxis)kurse in England an. Ein erster fand Ende Oktober 1999 statt. Darüber hinaus gibt es während des Schuljahres begleitende Veranstaltungen der Arbeitsgruppe“ Englisch als Arbeitssprache“. In Niederösterreich veranstaltet das Pädagogische Institut zu dieser Materie Seminare und an ausgewählten Standorten Schilfveranstaltungen und auch die Arbeitsgemeinschaft der AnglistInnen bietet Begleitveranstaltungen an.

Man kann gespannt sein auf die Erfahrungen und Erfolge im bilingualen Geschichtsunterricht, die sich nach ein paar Jahren zeigen werden. Aus der Sicht der HistorikerInnen ist der Fremdspracheneinsatz im Geschichte – und Sozialkundeunterricht zu begrüßen, wenn dadurch der „historische Horizont“ erweitert wird. Es gilt also bei der Beurteilung der verschiedenen Wege darauf zu achten, dass die Aufgaben des Faches „Geschichte“ nicht dem Fremdsprachenerwerb untergeordnet werden!

 

Literatur

BMfUkA (Hg.) (1998) Materialien zur Unterrichtsgestaltung. Wien

Ecker Irene, Ehmoser Christine (2000) Englisch als Arbeitssprache in Geschichte in BHS, in Beiträge zur historischen Sozialkunde, 1/00. Wien

Obitsch Eveline, Edel Klaus (2000) Englisch im Geschichtsunterricht, in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 1/00.Wien

Sitte Christian (1998) Fremdsprachen in Geographie (und Wirtschaftskunde), in: Wissenschaftliche Nachrichten, hg. v. BMfUkA, Nr. 106, Jänner 1998.Wien, S. 46ff

Wittenbrock Rolf (19975) Bilingualer Geschichtsunterricht, in: Bergmann, Fröhlich, Kuhn, Rüsen, Schneider (Hg.) Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 369ff

Schulgesetzte (1995), in: Kodex des österreichischen Rechts, hg. v. Werner Doralt. Wien

Approbierte Unterrichtsmaterialien (siehe Schulbuchaktion )

Kuchl Irmtraud; Simpson Stuart English across the curriculum: Living then and now, öbv&hpt, Wien, Anmerkung: approbiert

Kernaghan Pamela Cambridge History: The Crusades. Cultures in conflict, öbv&hpt, Wien

Mantin Peter; Pulley Richard Cambridge History: The Roman World. From Republic to Empire,  öbv&hpt, Wien

Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
Universität Wien

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